(Über)Leben mit Baby

Leben mit (und ohne) Baby

In der deutschen Gesellschaft schwirren zahlreiche Glaubenssätze über den Umgang und das Leben mit Babys herum. Überrascht stellte ich fest, dass selbst in meinem Kopf, den ich doch für so kreativ und unabhängig von den Meinungen der Massen halte, diese Glaubenssätze stark verankert waren. Und leider – oder zum Glück – widersprachen diese Glaubenssätze über das Leben mit Baby meinen Vorstellungen von einem schönen Leben als Familie gewaltig. Nach einer Phase des Recherche, in dessen Rahmen ich keine wissenschaftlich glaubwürdige Fundierung für die Glaubenssätze fand, die das klassische Bild der Familie zementieren und des schlechten Gewissens, weil ich mich für einen Egoisten hielt,  traf ich eine Entscheidung: Feldversuch!

Ich teste die Glaubenssätze auf einer Reise mit Levi.

Hier in Kürze, was dabei herauskam – wie es genau verging, Erklärungen und Geschichten drum herum findet ihr hier.

Glaubenssatz 1:
Kinder und vor allem Babys halten einen vom eigentlichen Leben ab. Von der Verwirklichung der eigenen Träume. Vom Reisen. Von allem halt, was Spaß macht. Ich muß mein Leben und meinen Lebensstil aufgeben mit einem Kind. Für mein Kind.

Seit Levi da ist lebe ich noch mehr mein Leben als vorher. Also: ich muß nichts aufgeben. Schon gar nicht wegen Levi. Ich kann reisen. Auch mit Levi. Ich kann mein Ding machen (meine Firmen, mein Schreiben, Sport, Freunde, meine Partnerschaft). Das schulde ich meinem Sohn: echt zu sein. Authentisch zu sein. Glücklich zu sein. Mein Kind zwingt mir keinen Lebensstil auf, mein Kind ist neugierig auf mein Leben, hat Spaß daran, sich zu integrieren. Es sind eher die gesellschaftlichen Stimmen und Blicke und die Glaubenssätze im eigenen Kopf, die versuchen, mich zu einem gesellschaftlich standardisierten Umgang mit Levi und zu einem „normaleren“ Lebensstil zu bringen.

Glaubenssatz 2:
Das Leben mit Baby muß organisiert werden! Das Leben mit Babys ist eine Frage der Organisation! Ein Baby braucht Routinen im Sinne von starren Abläufe zu den selben Zeiten, die selben Räume und Menschen zur Orientierung und um sich wohlzufühlen.
Ein Glaubenssatz, der mich sehr gequält hat, wirkt er doch so stark, so logisch, so sinnvoll. Aber leider passt ein organisiertes Leben so gar nicht zu mir.

a) Levi will genauso wenig wie ich in fixe Abläufe und Zeitschemata gepresst werden. Im Gegenteil: Sobald wir das machen, sperrt er und es wird stressig. Organisation, fixe Abläufe und fixe Termine sind eigentlich der einzige Stressfaktor in unserer Mutter-Baby-Beziehung (und Levis Schreien bei den 3 Monats Koliken :-) ). Mein vor Levi praktizierter flexibler und kreativer Lebensstil passt hervorragend zu dem Leben mit Levi. Natürlich ist dieser Lebensstil vordergründig aufwändiger, als ein durchorganisiertes standardisiertes Leben nach Schema F. Er erfordert ein Nachdenken darüber, was ich mit meinem Tag machen möchte. Und es erfordert die Flexibilität und Spontanität, auf die individuellen Gegebenheiten des Tages eingehen zu können und zu wollen. Immer gleichlaufende Tage ersparen einem diese Entscheidung und die damit verbundenen Zweifel und Reibungsverluste.
b) Spiel mit Deinem Leben! Probier`s aus!: Mein Ideal des experimentellen Lebensstils passt hervorragend zu Levi und seiner Art, zu leben und zu lernen. (Nachtrag: zum Beispiel bedeutet eine Kita, die Ihre Pforten um Punkt 9 Uhr in der Früh verschließt und ein Kind vor der Tür stehen läßt, wenn es zu Hause etwas länger mit seinem Müsli spielen wollte für mein Leben einen unzumutbaren Stressfaktor. Für ein kind- und elterngerechtes Leben brauche ich eine Kita, die hier flexibel und menschenfreundlich agiert; habe ich jetzt auch :-) )
c) Levi hat einen eigenen Rhythmus, eigene Vorstellungen davon, wie sein Tag aussehen soll. Die Sensibilität aufzubringen, zu verstehen, was er braucht finde ich spannender, als ihn immer um Punkt 8 zu wecken und um Punkt 12 zu füttern, nur weil irgendwelche Erziehungsoberschlaumeier ohne wissenschaftliche Fundierung  behaupten, Kinder wollen funktionieren wie die Uhrwerke. Nie zuvor habe ich so stark in der Gegenwart gelebt, wie mit Levi.

Glaubenssatz 3:
Da kommt ein kleines abhängiges Wesen, um das ich mich kümmern muß. Die Beziehung zu einem Kind ist lange durch einseitiges Geben (der Mutter) gekennzeichnet.

Levi ist ein gleichberechtigter Mensch, mit eigener Persönlichkeit, eigenem Charakter, eigenem Willen. Er gehört mir nicht. Und er erzieht und prägt mich so wie ich ihn. Ich bin nicht sein Chef, oder irgendetwas Übergeordnetes. Wir sind gleich. Wir kommunizieren nur auf unterschiedliche Arten.

Glaubenssatz 4:
Das Baby braucht zu Beginn (die ersten 1-3 Jahre) vor allem die Mutter.

Levis und meine Beziehung lebt von Nähe und Distanz. Vom Loslassen und wieder aufeinander zu krabbeln. Ein Kind zu haben ist ein bisschen so wie eine neue Beziehung oder intensive Freundschaft haben. Es gelten die selben Regeln. Levi blüht auf, je mehr Menschen um ihn herum sind. Auch er sucht bewußt, obwohl erst 10 Monate alt, den Kontakt zu anderen, den anderen Augen, der anderen Hautfarbe, der andere Sprache, den anderen Verhaltensweisen, der anderen Art zu spielen. Das gefällt und fasziniert ihn. Für mich ist es wichtig, Intensität in der Beziehung zu Levi zu spüren, in der Zeit, die ich mit ihm verbringen 100%ig da zu sein. Und das will und schaffe ich nicht 24 Stunden am Tag an 7 Tagen die Woche. Lieber weniger Zeit und die dafür entspannt und schön. Also: weder für mich, noch für Levi noch für Markus ist die 100%ige Mutterschaftsrolle die Idealbesetzung. Ganz konkret: Als Levi Baby war, haben wir für uns herausgefunden, je ein Drittel Mama, ein Drittel Papa und ein Drittel Fremdbetreuungszeit ist optimal für uns.

Dass aus der alleinigen Fokussierung eines Elternteils auf das Kind als hauptsächlicher Sinn des Lebens nicht nur Schaden für die Mitglieder dieser Familie, sondern für die gesamte Gesellschaft resultieren konnte ich eindrucksvoll in China erleben:

Aufgrund der Einkindpolitik werden insbesondere die Söhne verhätschelt. Das dadurch entstehende Persönlichkeitsprofil aus Selbstüberschätzung und fehlender sozialer Kompetenz ist in den Firmen oft nicht einsetzbar und führt in der wachsenden chinesischen Wirtschaft zunehmend zu Problemen, so dass die Politik sich überlegt, zur Zweikindpolitik überzugehen. Mehr dazu findet ihr in meinem Buch
Mehr dazu auch von Lisa Ortgies, die in ihrem Buch Heimspiel: Plädoyer für die emanzipierte Familie fragt, warum Männer und Frauen im 21. Jahrhundert am sehr traditionellen Familienbild festhalten.

Glaubenssatz 5:
Mutter sein, eine Familie mit Kind zu sein, ist das natürlichste von der Welt. Da ist es bestimmt leicht, Vorbilder für meinen persönlichen Lebensstil mit Kind zu finden.

Ich fand keine für mich geeigneten Vorbilder hinsichtlich meiner Mutterrolle. Als Mutter (in Deutschland) muß ich noch selbstbewußter und stärker sein, als ich eh schon vorher war, wenn ich individuell und kreativ leben will. Als Mutter wird man ein Stück weit zum öffentlichen Gut, jeder mischt sich ein. Und: Als Mutter fühlte ich mich auf einmal offen, verletztlich, weniger geschützt vor den abweichenden Meinungen der anderen. Als Mutter wollte ich es ja richtig machen und ich wußte nicht, was richtig ist. Durch die Reise weiß ich, dass meine Intuition funktioniert, dass die individuelle Mutter die ich bin ok ist. Für Levi. Und für mich. Egal, was andere darüber denken.

Glaubenssatz 6:
Ein Baby muß von ersten Tag an durch diverse Gruppenangebote – Krabbelgruppe, Musik- und Tanzgruppe, Schwimmgruppe etc etc – gefördert werden.

Auch hier war mein schlechtes Gewissen besonders stark ausgeprägt:
Ich hatte keine Lust auf all diese Gruppen. Einmal weil da im Wesentlichen radikale Mutterschafe zu finden sind, die mit an Fanatismus grenzender Inbrunst Kinderlieder singen und Weichspülgrinsen. Zum anderen, weil eine organisierte Aktivität den Tag mit Baby durchstrukturiert, wenn man neben Baby noch zum Beispiel arbeiten möchte. Und ich will doch mit Levi auch „Freispielen“. Also hatte ich insbesondere hinsichtlich dieser Kurse ein extrem schlechtes Gewissen: wollte nicht hin, dachte aber, es müsste sein.

Mein experimenteller Lebensstil, meine kreative Persönlichkeit und meine Intuition ersetzen das, was derartige Kurse Levi und mir geben können alle mal. Einige der Kurse haben mir Anregungen gegeben, was ich mit Levi machen kann, ich will das nicht verteufeln. Aber wenn man keine Lust drauf hat, kann man ohne schlechtes Gewissen gut drauf verzichten, finde ich. Mein Eindruck ist eh, dass derartige Kurse mehr dem sozialen Leben der Mutterschafe dient – was ja in Ordnung ist. Aber mein soziales Leben findet halt woanders statt. Insgesamt denke ich, dass unseren durch Reisen, Kreativität, Neugier und Offenheit geprägte Lebensstil als Erziehungs- und Förderungsprinzip Levi mehr taugt, als ein organisiertes Leben im traditionellen Familienklischee mit Krabbelgruppenzertifikat. Dass die Transsibirische Eisenbahn, die mongolischen Jurten, die sibirischen Holzhütten Levis Synapsen mehr in Wallung gebracht haben, gemeinsames Singen in irgendwelchen Gruppen.

Glaubenssatz 7:
Abenteuerreisen mit Baby sind anstrengend, erfordern Mut. Weil: der Alltag, der zu Hause mit Baby ja schon anstrengend genug sei jetzt in unbekannter, meist unbequemerer Umgebung stattfindet. Weil man niemanden kennt, die hygienischen und klimatischen Bedingungen herausfordernden sind und Vieles mehr.

Das Leben als Mutter in Deutschland erfordert für mich mehr Mut, als mit Baby durch Sibirien und die Mongolei bis nach Peking zu reisen. Zum einen nahm ich aus Deutschland keinen Alltag mit, den ich auf Reisen hätte weiterleben wollen. Das Problem in Deutschland mit Baby war ja schon, dass ich eben keinen Alltag, keine durchorganisierten Tage hatte oder wollte. Auf Reisen war ich umgeben von positiven neugierigen, hilfsbereiten Menschen. Auf Reisen haben mich diese Glaubenssätze nicht geplagt, da war meine Intuition, meine Art, die Dinge zu sehen stark. Der Tagesablauf auf Reisen entspricht meinem Verständnis von Alltag. Mein Ziel ist daher: mit Baby auch zu Hause so zu leben wie auf Reisen :-)

Glaubenssatz 8:
Das Leben mit Kind wird stressig und hektisch, zumindest stressiger und hektischer als vorher, denn jetzt kommt in unser eh schon volles Leben noch jemand dazu.

Seit Levi bin ich entspannt. Slow traveling führte zu slow living. Seit ich auf und durch unserer Reise im Flow bin mit Levi, entspannt bin in unserem flexiblen experimentellen Rhythmus, bin ich es auch mit dem Rest meines Lebens. Teilzeitentspannt geht nicht. Also: dass was Levi und die Reise mit Levi mir beigebracht hat wende ich nun auch auf meine anderen Lebensbereiche an.

Wir sind in Gefahr! Durch die unsere Gesellschaft prägenden Glaubenssätze zum richtigen Leben mit Babys: 

Meines Erachtens sind die in unserer Gesellschaft kursierenden Glaubenssätze zum richtigen Leben mit Babys nicht nur frauen- und familienfeindlich, sondern führen gesellschaftlich und wirtschaftlich zu erheblichen Problemen:

Sobald Kinder da sind und insbesondere hinsichtlich des Umgangs mit Kindern in Deutschland widerspricht der internationalen Rolle, der einzigen Chance Deutschlands, international zu bestehen: der Kreativität der Menschen. Das Fehlen individueller Familienmodelle, und die Art der gesellschaftliche Glaubenssätze hinsichtlich des Umgangs mit Babys und Kindern widersprechen der Anforderung, als Erwachsene kreativ zu sein.

sie fordern geradezu dazu auf, kreativ (mit ihnen) zu leben. Statt mein Kind zu organisieren und mich diesem Organisationsdiktat unterzuordnen, nehme ich die Herausforderung an und lebe seit meinem Baby noch kreativer, noch experimenteller, noch mehr mein Leben, als vorher.

Es geht darum, die Familienklischees im eigenen Kopf zu besiegen.
Es geht darum, die Strukturen, die auf diesen falschen Glaubenssätzen basieren zu verändern:

Kinderfeindlichkeit fängt an, wenn man glaubt, dass Kinder ein Karrierekiller seien und man sich für das eine oder andere entscheiden müsste. Es sind nicht die Kinder, sondern die Erwachsenen, die das glauben. Die ihr Leben, ihre Firmen, ihre Politik so organisieren.
Man muß nicht auf den gesellschaftspolitischen Umbruch warten – man kann sich einen Arbeitgeber (Partner, etc) suchen, der anders tickt. Oder sich selbständig machen.

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